






Der NGW schaut innovativ nach vorn: Künstliche Intelligenz, Maßnahmen zur Bekämpfung der Geflügelpest und Ernährungssicherung prägen die Diskussion über die Zukunft der Branche
Dötlingen. Anlässlich des NGW-Zukunftsforums 2026 in Dötlingen-Altona diskutierten vor rund 200 Gästen führende Expertinnen und Experten aus Landwirtschaft, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik über die zentralen Herausforderungen und Zukunftsperspektiven der Geflügelhaltung.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen die Bekämpfung der Hochpathogenen Aviären Influenza (HPAI), die wachsende Bedeutung von Künstlicher Intelligenz (KI) für das Management in der modernen Geflügelhaltung und die Ernährungssicherung. Moderiert wurde die Veranstaltung von Matthias Schulze Steinmann, Chefredakteur von top agrar.
- Panel: Feldstudie zur Impfung gegen HPAI
Die Hochpathogene Aviäre Influenza (HPAI) verursacht seit 2005 in Deutschland und darüber hinaus durch wiederkehrende Ausbruchsgeschehen immense ökonomische Schäden in Geflügelhaltungen. Sie führt zu großem Leid bei Tieren und Tierhaltern. Niedersachsen ist als Geflügelland Nr. 1 mit seinem Geflügelbestand von rund 107 Millionen Tieren immer wieder besonders schwer betroffen.
Allein im jüngsten Seuchengang seit Mitte Oktober 2025 mussten hier in Niedersachsen rund 1,6 Millionen Tiere aufgrund des Geflügelpestvirus-Nachweises getötet werden. So viel wie nie zuvor!
Insbesondere bei Geflügelhaltungsformen in nicht geschlossenen Ställen oder im Freiland waren große Verluste zu verzeichnen. Hier wird ein Zielkonflikt zwischen Tierwohl und Seuchenprävention überdeutlich.
Ca. 20 % der Puten -und der Gänsepopulation mussten getötet werden und auch Elterntierherden waren betroffen. Ausfälle bei der Vermarktung waren die Folge. Der Elterntierverlust hat darüber hinaus längerfristige Folgen für die Versorgung mit Jungtieren für die nach dem Seuchengang erforderliche Neuaufstallung. Das betrifft besonders auch die Junghennen und damit den knappen Eiermarkt.
Für die Entschädigung des Marktwertes getöteter Tiere musste die Niedersächsische Tierseuchenkasse (TSK) in 2025/2026 rd. 40 Millionen € aufwenden! Die notwendige Rückzahlung durch die Geflügelhalter führt zu immer höheren, existenzbedrohenden Kostenbelastungen. Der Beitrag für einen Putenhahn wird sich in 2027 mit ca. 2,50 € mehr als vervierfachen. Mit erheblichen Beitragssteigerungen, wegen des sehr hohen Versicherungsrisikos, müssen die Tierhalter auch bei den privaten Tierversicherungen rechnen, die neben der TSK notwendig sind, um weitere Ertragsschäden ausgeglichen zu bekommen. Erste Geflügelhalter haben deshalb ihren Betrieb bereits aufgegeben. Und das trotz gemeinschaftlicher Optimierung von Seuchenpräventionsmaßnahmen bundesweit.
Zu diesen gehören im Wesentlichen:
- Intensivierte Biosicherheitsmaßnahmen in den Geflügelbeständen zur Verhinderung der Einschleppung und eines eventuellen Austrags von Viren
- Konsequente Anwendung von Früherkennungsprogrammen in Verbindung mit schneller Diagnostik
- Schnellstmögliche Tötung und Räumung der Tiere in infizierten Beständen
- Sorgfältige Reinigung und Desinfektion der betroffenen Ställe
- Sperrmaßnahmen in Restriktionsgebieten
- Wiederbelegungssperren von Ställen und Monitoring in den Schutz- und Überwachungszonen.
Verhindern konnten diese Maßnahmen den jüngsten und bisher schlimmsten Ausbruch nicht. Klar ist, das Portfolio der Bekämpfungsinstrumente muss erweitert werden. Vor allem auch deshalb, weil das HPAI-Virus in der heimischen Wildvogelpopulation enzootisch verbreitet ist und eine ganzjährige Bedrohung für Haus- und Nutzgeflügel darstellt.
Vor diesem Hintergrund hat sich in Niedersachsen auf Anregung der TSK-Niedersachsen, der Tierärztlichen Hochschule Hannover und des NGW erstmals in Deutschland eine Expertengruppe gebildet, die sich mit einer präventiven Impfung gegen HPAI befasst und diese empfiehlt. Unter Federführung des Friedrich-Löffler-Institutes wurde gemeinsam ein Konzept für eine erste Feldstudie erarbeitet.
Dabei geht es um:
- Die Impfung von Gänsen, weil diese im Freiland gehalten werden und einem hohen Infektionsdruck ausgesetzt sind.
- Die frühzeitige und komplexe Bewertung möglicher Auswirkungen der Impfung auf Handel und Export, sowie die Erarbeitung geeigneter Maßnahmen zur Vermeidung/Minimierung potenzieller Handelsrestriktionen.
- Erarbeitung einer geeigneten nationalen Rechtsgrundlage für Impfprogramme.
- Ableitung von Impfempfehlungen für die Geflügelart Pute.
- Sichere Entsorgung der infizierten und geimpften Gänse ohne Gefährdung von Umwelt und Markt.
Zur Einführung in das erste Panel erläuterte Prof. Dr. Timm Harder vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) in seinem Impulsreferat die wissenschaftlichen Grundlagen, den rechtlichen Rahmen sowie die Herausforderungen bei der Einführung einer Impfstrategie gegen die HPAI. Sabine Breul von der französischen Orvia Group ergänzte die Diskussion um praktische Erfahrungen aus Frankreich, wo die HPAI-Impfung bereits erfolgreich angewendet wird.


Gemeinsam mit Dr. Ursula Gerdes (Niedersächsische Tierseuchenkasse), Prof. Dr. Klaus Osterrieder (Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo)), Dr. Christiane Rüben (Niedersächsisches Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz) und Dr. Matthias Voss (Lohmann Breeders GmbH) diskutierten die Referenten über die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung einer HPAI-Impfstrategie in Deutschland. „Die Impfung sollte künftig eine wichtige Säule bei der Bekämpfung der Geflügelpest darstellen“, stellte Prof. Harder klar. Voraussetzungen hierfür sind jedoch tragfähige Lösungen für Fragen des internationalen Handels, der Überwachung geimpfter Bestände sowie klare politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen. „Exportstopps dürfen nicht kleingeredet werden. In Frankreich haben wir diesen Weg bereits beschritten und viel gelernt. Gerne unterstützen wir unsere Kollegen aus Deutschland mit unseren Erfahrungen,“ bot Sabine Breul an. Ergänzend betonten die Panelteilnehmer die Bedeutung einer engen Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Behörden, Verbänden und Wirtschaft.

Vor diesem Hintergrund planen der NGW, die TiHo und das FLI gemeinsam mit dem Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) sowie weiteren Partnern eine Impf-Feldstudie bei Gänsen, die Anfang des kommenden Jahres starten soll.
Vorher wird es eine Delegationsreise zusammen mit dem ZDG nach Frankreich geben, um sich vor Ort ein Bild von den Erfahrungen der Franzosen mit der HPAI-Impfung zu machen. Insbesondere die Vorgehensweise zur Vermeidung von Handelshemmnissen soll dabei die Hauptrolle spielen.
Friedrich-Otto Ripke stellt zusammenfassend fest: „Es geht uns nicht um den kurzfristigen Beginn einer flächendeckenden Impfung. Diese wird voraussichtlich noch Jahre auf sich warten lassen. Gerade deshalb müssen wir jetzt aber über unsere Feldstudie Probleme erkennen, Detailkenntnisse zur Durchführung gewinnen und Erfahrungen zum personellen Aufwand und zu den Kosten sammeln. Das duldet keinen Aufschub, wenn wir hier zu Europa und zur Welt nicht den Anschluss verlieren wollen!“
2. Panel: KI in der Geflügelhaltung: Kleiner Schritt oder großer Sprung?
Nicht nur in der deutschen Gesellschaft, besonders auch in Wirtschaft und Landwirtschaft bestimmt KI die aktuelle Debatte. Eine Studie der Bitcom stellte schon für 2024 fest:
- 9 % der Betriebe (also rund jeder Zehnte) setzt Künstliche Intelligenz ein.
- 38 % planen oder diskutieren den Einsatz von KI.
- 54 % dieser Betriebe sehen das Potenzial von KI vor allem in der Klima- und Wettervorhersage,
- 36 % in der Markt- und Preisanalyse,
- und 28 % in der Ernte- und Produktionsplanung (auch in der Tierhaltung).
Im Rahmen des zweiten Panels wurde dies näher beleuchtet. In einem einleitenden Impulsreferat betonte Dr. Christian Lamping von der Big Dutchman AG, wie wesentlich die Akzeptanz digitaler Technologien von ihrem konkreten Nutzen für landwirtschaftliche Betriebe abhänge. „Entscheidend ist nicht die Technik, sondern der Mehrwert, den sie für die Landwirtschaft schafft“ bekräftigte Lamping.

Im Anschluss diskutierten Prof. Dr. Mehmet Gültas (Fachhochschule Südwestfalen), Bernd Meerpohl (Big Dutchman AG), Svenia Paul (VetVise GmbH) und Hähnchenhalter Stefan Teepker über die Potenziale und Grenzen aktueller KI-Anwendungen in der Geflügelhaltung.

Im Mittelpunkt standen die automatisierte Auswertung großer Datenbestände, die Früherkennung von Tiergesundheitsproblemen sowie die Optimierung von Stallmanagement und Produktionsabläufen. „Digitalisierung und KI sind aus der modernen Geflügelhaltung nicht mehr wegzudenken,“ bestätigte Bernd Meerpohl.
Digitalisierung, KI und das IoT (Internet of Things) haben das Potenzial, die Tierhaltung zu revolutionieren: Landwirte können nicht nur effizienter produzieren, sondern auch noch nachhaltig die Umwelt (z.B. Emissionsreduktion) schonen.
„In der Geflügelhaltung wird eine digitale Echtzeitüberwachung möglich: mittels Sensoren, Kameras und Mikrofon werden Gesundheit, Leistung und Wohlbefinden aufgezeichnet. Ein gesondertes Handling wird überflüssig. Im Anschluss ermöglichen KI-Algorithmen die Analyse der gewonnenen, umfangreichen Datenmengen, identifizieren besondere Ereignisse (reduzierte Futter- und Wasseraufnahme, besonderes Verhalten wie bspw. Picken oder Krankheitssymptome) und unterstützen bei der schnellen Entscheidungsfindung und Ursachenbekämpfung,“ weiß Bernd Meerpohl zu berichten.
„Unser Ziel ist die Umsetzung von Precision Livestock Farming in der Tierhaltung, d.h. jedes Tier wird zukünftig kontinuierlich überwacht, Entscheidungen werden schnell und faktenbasiert getroffen. Das Management und die Steuerung der Stalltechnik inkl. Futter- und Lüftungstechnik werden bei wechselnden Rahmenbedingungen einfacher und sicherer,“ ergänzt Meerpohl seine Ausführungen.
3. Ausblick
Abschließend zogen Friedrich-Otto Ripke und Matthias Schulze Steinmann ein positives Fazit. Die Diskussionen in beiden Panels hätten gezeigt, dass die Geflügelwirtschaft vor tiefgreifenden Veränderungen stehe, diese jedoch aktiv gestalten könne. Insbesondere die notwendige Lösung des HPAI-Problems und die Digitalisierung inklusive KI würden die Entwicklung der Branche maßgeblich beeinflussen.

Damit habe auch das 2. NGW-Zukunftsforum gezeigt, wie wichtig der kontinuierliche Austausch zwischen Wissenschaft und allen Akteuren der Wertschöpfungskette sei. „Als führendes Geflügelland Deutschlands kommt Niedersachsen eine besondere Verantwortung für die Ernährungssicherung, den Tierschutz, den Boden- und Klimaschutz und die Nachhaltigkeit zu. Dieser Verantwortung werden wir in Niedersachsen mit sachkundigen Tierhaltern, fortschrittlichen Unternehmen, kompetenten Tierärzten und engagierten Wissenschaftlern seit Jahren konsequent und innovativ gerecht“ betonte Ripke. Dabei ist der NGW nur die Klammer und manchmal ein bisschen der Motor für Innovationen.
„Herausforderungen werden auch in Zeiten steigender Nachfrage und guter Erlöslage für Geflügelfleisch und Eier bleiben. Freihandelsabkommen, steigende Importe und wettbewerbsverzerrende nationale staatliche Auflagen sind relevante aktuelle Beispiele“, gibt Ripke zum Abschied aus dem aktiven Verbandsleben seinen Nachfolgern mit auf den Weg.
Die Politik erinnert er an seinen Slogan „Ohne Bauernwohl kein Tierwohl „
„Ohne planungs- und gewinnsichere ökonomische Rahmenbedingungen wird es weder aus-reichend Hofnachfolger noch Investitionen in die Zukunft geben. Die mit mehr Tierwohl verbundenen Zielkonflikte wie z.B. weniger Erzeugung, weniger Seuchenprävention oder höhere Emission müssen klar, schnell und gemeinsam mit der Politik entschieden werden. Es geht gerade um Viel und die Zeit für richtige Entscheidungen ist knapp!„ so Ripke ernst und zusammenfassend.
Aktuelle Zahlen und Fakten zum Thema
Niedersachsen ist das führende Geflügelland Deutschlands und das Zentrum der deutschen Geflügelwirtschaft. Neben einer starken Landwirtschaft, einer leistungsfähigen Futtermittelwirtschaft sowie zahlreichen Verarbeitungs- und Vermarktungsbetrieben bildet das Land das Rückgrat der Versorgung mit deutschen Geflügelprodukten:
Ca. 40 % der Legehennen in Deutschland werden in Niedersachsen gehalten, mehr als jede dritte Pute stammt aus niedersächsischen Beständen. Rund 20 Millionen Legehennen erzeugen in Niedersachsen 5,5 Milliarden frische Eier im Jahr.
Angesichts einer weiter steigenden Nachfrage nach Geflügelfleisch kommt Niedersachsen eine besondere Verantwortung bei der Versorgungssicherheit zu.
Die Roland Berger Geflügelstudie 2026 prognostiziert für Hähnchenfleisch ein jährliches Nachfragewachstum von bis zu 3,4 Prozent. Ohne zusätzliche Produktionskapazitäten könnte der Selbstversorgungsgrad in Deutschland bis 2040 von derzeit 91 Prozent auf lediglich 73 – 77 Prozent sinken.
Die Niedersächsische Geflügelwirtschaft möchte dieser Entwicklung aktiv begegnen! Gemeinsam möchte sie ihren Beitrag zu einer sicheren, nachhaltigen und heimischen Versorgung mit hochwertigen Geflügelprodukten leisten. Der Investitionswille ist groß: Mindestens eine Milliarde Euro möchte die Branche kurzfristig in den Bau neuer und moderner Ställe sowie die Schaffung neuer Schlacht- und Verarbeitungskapazitäten investieren. Der steigenden Nachfrage und dem sinkenden Selbstversorgungsgrad könnte damit ohne staatliches Geld begegnet werden.
Leider scheitern die geplanten Investitionen vielerorts nun schon seit Jahren an verlässlichen politischen Rahmenbedingungen, langsamen Bau-Genehmigungsverfahren und national politisch aufgebauten unfairen Wettbewerbsbedingungen am Markt. Wachstum, Wertschöpfung und Versorgungssicherheit sind aber nur wirtschaftsseitig und nur mittels Investitionen aus der Wirtschaft langfristig zu gewährleisten. Dazu bedarf es in einer sozialen Marktwirtschaft unternehmerischer Freiheit!